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Franz von Dingelstedt

Freiherr Franz von Dingelstedt

(Text von Horst Becker)

Nachdem Dingelstedt Halsdorf verlassen hatte, verbrachte er seine Schulzeit in Rinteln. Ein Mitschüler beschrieb ihn als „ein überaus zartes Bürschlein mit schmächtigen Beinen und Armen, klugen Augen und bleichem, fast kränklichem Gesicht. Franz war ein sehr guter Schüler und führte auf Anweisung seines Vaters ab seinem achten Lebensjahr ein Tagebuch, in dem er vor allem seine Schulauszeichnungen akribisch notierte. Manche Stunde verbrachte er aber auch damit, seinem Vater bei dessen Kämmereiabrechnungen zu helfen. Unerbittlich musste er hier ganze Seiten neu schreiben, wenn ihm ein Fehler unterlaufen war. Im Schulprogramm von 1823 ist der neunjährige Franz unter den herausragenden Schülern mit 10 Auszeichnungen vermerkt, besonders wegen seiner Fortschritte in Latein. Aus seiner gemeinsamen Gymnasialzeit in Rinteln berichtet sein Freund Adolf Vogel, der aus Schmalkalden stammte und im Hause Dingelstedt Kost und Logis hatte, dass Franz "in Lehrer- und Schülerkreisen wegen seiner eminenten Sprachkenntnisse und dichterischen Begabung als eine Art Wunderkind" galt. Als im April 1828 eine Feier zum Gedenken an die Schlacht von Waterloo veranstaltet wurde, hielt Franz die Festrede. Hierüber schreibt Adolf Vogel: "Dingelstedt that das mit kaum glaublichem Effecte. Ich fungirte dabei als Souffleur. Als er unter außerordentlichem Beifall geendet, drückten ihn die anwesenden Lehrer der benachbarten Gymnasien Hameln, Bückeburg, Preußisch-Minden und Lemgo an die Brust, herzten und küßten ihn. Auch aus dem Auge seines sonst nicht gerade zartfühlenden Vaters drang eine Freudenthräne, und er gab mir einen Ducaten, den ich mit Franz verjubeln sollte.Mit siebzehn Jahren wurde Franz dann zum Sommersemester 1831 in die Landes-Universität Marburg eingeschrieben, um hier Theologie und Philosophie zu studieren. Wie viele seiner damaligen Mitstudenten, war Franz während seiner Studienzeit in Marburg bekannt als ein froher Zechkumpan und er litt ständig unter Geldnot.Oft war er Gast im "Schützenpfuhl", jenes weit über Marburgs Grenzen hinaus bekannte "Wirtshaus an der Lahn" und damalige Stammkneipe der Burschenschaft Schaumburgia, in die Franz inzwischen eingetreten war. Und mit den Frauen verstand er sich bestens. Adolf Vogel sagte über ihn: "Durch die Gewandtheit seines Auftretens und den Zauber seiner Persönlichkeit hatte er das Glück, sich die weiblichen Herzen aller Stände im Fluge zu erobern. Alle vier Wochen hatte sich Franz in ein neues Frauenzimmer verliebt.Gesundheitlich ging es ihm jedoch oftmals nicht so gut und eine Zeit lang litt er an einer Lungenkrankheit, weshalb er sein Studium für mehrere Monate unterbrechen musste. Er selbst schildert diese Situation in Marburg so: Die Lungen-, Herzgefäß- und Adernentzündung, die mich hatte, nötigt mich, ein ganzes langes Semester in diesem schauervollen Neste zu kampieren, alsdann nicht zu rauchen, nicht zu trinken, weder Wein, Bier, Kaffee, Tee – kurz: nicht zu leben. Ich rechne dazu, dass nun wohl alle Freitag eine Mahnung von einem Marburger Philister bei meinen Eltern in Rinteln ankommen und alle Sonnabend das Ungewitter väterlichen Zornes über mein schuldiges Haupt hereinbrechen wird.Und die Rückzahlung seiner Schulden, die er zu dieser Zeit gemacht hatte, ist ihm dann recht schwer gefallen. Seine Gläubiger hätten fast sein Examen vereitelt, indem sie seine Fakultätszeugnisse beschlagnahmten. Sein strenger Vater war derart verärgert, dass er ihn enterben wollte. Seine Mutter versprach ihm jedoch zu helfen unter der Bedingung, dass er keine weiteren Schulden mehr machen würde. Zusammen mit seinem Freund Julius Hartmann half sie ihm dann auch aus seiner peinlichen Lage.Ein so ausgeprägtes Talent wie Franz Dingelstedt es ja nachweislich besaß, konnte vom Burschenleben allein natürlich nicht ausgefüllt werden. Sein Studium der Theologie sagte ihm jedoch nicht zu. Oder wie er es mit eigenen Worten beschrieb: “Es brannte in mir ein unlöschbarer Durst, ein nagender Heißhunger nach Kenntnissen in allen Fächern nützlicher Wissenschaft. Wie gähnt sie mich aber an, die trostlose Aussicht auf eine Dorfpfarrei, lebendig begraben ehe ich gelebt, mit zweiundzwanzig Jahren ein Greis!Mit 18 Jahren bestieg er am 17. Sonntag nach Trinitatis im Jahre 1832 die Kanzel der kleinen Kapelle des Siechenhofes vor Weidenhausen, das ist die kleine Kirche in Marburg „Bei St. Jost“, und hielt seine erste Probepredigt über die „Einigkeit im Geiste des Christentums“. Im Dezember 1834 bestand er dann sein Examen mit der Auszeichnung „cum laude“. Und damit endete das fröhliche Studentenleben in Marburg.Wegen seiner bisherigen Lebensweise hatte Franz allerdings keine Aussicht, in seiner engeren Heimat eine Pfarrstelle zu erhalten. Und so konnte er von Glück sagen, dass ihm in Ricklingen bei Hannover für kurze Zeit eine Stelle als Lehrer angeboten wurde. Am 3. April, dem Ostermontag 1836, erschüttert ihn die Nachricht vom Tode seiner geliebten Mutter. Hierüber schreibt der knapp 22-jährige Franz in einem Brief an seinen Schulfreund Friedrich Oetker: „Sieh‘ Fritz, ich habe Blicke in meines Vaters Herz getan in den Momenten, wo der heiße Schmerz die Metallrinde geschmolzen hatte, wo die Erinnerung an seine Liebe, an sein schönes Hannchen das alte Herz verjüngte. Fritz, von dem wollen wir lernen, wenn er auch ein rauher Mann ist. Er hat mir das Bild der Verklärten aufgerollt, wie sie als Mädchen war, als Braut, als Frau, als Mutter, als Sterbende – ach! Ich habe sie nicht gekannt, ich habe sie bloß verloren.Nur ungern folgte er im Jahre 1836 dem Ruf des hessischen Ministers Hassenpflug an das Gymnasium nach Kassel, wo er sich nur auf Drängen des Vaters beworben hatte. In einem Brief an seine Schwester Auguste schreibt er im Mai 1836: "Es soll mir lieb sein, wenn der Vater und vielleicht Du meiner Beförderung sich freuen, so ist´s dann wenigstens Jemand, dem sie Vergnügen macht. Mich hat sie getroffen wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel.Nach seiner Ankunft in Kassel stellte sich Dingelstedt dem Direktor des Gymnasiums vor und wurde von diesem sogleich mit den Worten ermahnt: man weiß hier, daß Sie für ein schöngeistiges Blatt in Hannover gearbeitet haben. Unser Herr Minister läßt Ihnen sagen, daß man dergleichen Allotria bei uns nicht liebt.Obwohl er nur ungern nach Kassel gegangen war, fühlte er sich dort doch bald recht wohl und betätigte sich trotz allen Vorwarnungen doch als wieder Publizist. Er wurde Mitarbeiter der Zeitschrift "Europa", wo seine "Bilder aus Hessen-Kassel" erschienen und mit denen er "die ganze Stadt in Gärung gebracht" hatte. In der "Waage", einer Beilage der "Kurhessischen Landeszeitung", veröffentlichte er seine "Spaziergänge eines Kasseler Poeten" und eine erste Sammlung seiner Gedichte und erweckte großes Aufsehen mit seinem darin angeschlagenen sarkastischen Ton über politische Zeitgeschehnisse. Mit Beschluss des Ministeriums im Juli 1838 wurde er dann aus „höheren Staatsrücksichten“ nach Fulda versetzt. Und man hoffte, dass er sich hier nun ganz seinem Beruf als Lehrer widmen würde. Aber das Gegenteil trat ein. In Fulda erschienen seine beiden Romane "Die neuen Argonauten" und "Unter der Erde". Außerdem eine große Zahl von Novellen und sein damals bekanntestes Werk, die "Lieder eines kosmopolitischen Nachtwächters". In diesen Nachtwächterliedern befindet sich auch eines, das seine Ablehnung an die Judenemanzipation ausdrückt, die zur damaligen Zeit im Mittelpunkt öffentlicher Debatten stand. Franz hatte in seinem Freundeskreis mehrere jüdische Schriftsteller, die ihm diese antisemitischen Zeilen nicht übel nahmen. Ein besonders herzliches Verhältnis unterhielt er zum Dichter Salomon Mosenthal und zu Julius Rodenberg, der eigentlich mit Nachnamen Levi hieß, und der nach dem Tod von Dingelstedt ein Buch über seine Freundschaft zu ihm und Friedrich Oetker herausbrachte.Sein ungebundenes Leben brachte ihm im Laufe der Zeit einigen Ärger bei seinem Schuldirektor Bach ein, mit dem er sich allerdings ausgezeichnet verstand. Zum Unterricht kam er meistens eine viertel Stunde zu spät, in der folgenden viertel Stunde unterhielt er sich mit den unter dem Klassenfenster stehen gebliebenen Offizieren und in der restlichen halben Stunde begeisterte er seine Schüler mit seinem fesselnden Unterricht. Nach dem Tode von Direktor Bach wurde seine Stellung mehr und mehr unhaltbar. Schließlich entschloss er sich, seinen Lehrerberuf aufzugeben.An dieser Stelle richte ich noch einmal kurz einen Blick zurück auf seine Jugendjahre. Vor seiner Zeit als Gymnasiallehrer dichtete er im Alter von 21 Jahren das „Weserlied“, welches eben vom Männergesangverein vorgetragen wurde und das sich noch heute in den Orten an der Weser großer Beliebtheit erfreut. Nach seiner Zeit in Fulda tritt Franz Dingelstedt im April 1841 in den Hofdienst des Königs Wilhelm von Württemberg ein und erreicht damit einen ganz entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Er wird zunächst Vorleser und Leiter der königlichen Privatbibliothek und erhielt den Titel "Hofrat". Später folgte dann die Ernennung zum Dramaturgen des Stuttgarter Hoftheaters. Seine liberalen Gesinnungsgenossen fielen nun über ihn her und überschütteten ihn, den „politischen Nachtwächter" und jetzigen Fürstendiener, mit bitterem Spott und beschimpften ihn als „Verhofräther“.Hauptsächlich nahm Dingelstedt diese Position jedoch an, um sich eine sichere Existenz zu gründen. Seine Hochzeit mit der gefeierten Opernsängerin Jenny Lutzer stand bevor und er bestand darauf, dass sie von der Bühne abtreten sollte. Und als Hofrath konnte er sie versorgen. 1844 beendete Jenny Lutzer dann auch ihre Karriere und führte mit Franz 33 Jahre lang eine überaus glückliche Ehe. Seine Zeit in Stuttgart sah Dingelstedt von Anfang an als Sprungbrett für größere Aufgaben. So war für ihn die Berufung nach München als Intendant des dortigen Hoftheaters im Oktober 1850 eine Freudenbotschaft. Doch auch in München machte er sich im Laufe der Jahre unbeliebt, wurde von König Maximilian im Januar 1857 entlassen und war froh, dass er durch die Vermittlung seines Freundes Franz Liszt die Stelle des Generalintendanten des Theaters in Weimar antreten konnte.Der Höhepunkt seines Schaffens in Weimar war die Festspielwoche Ende April 1864 anlässlich des 300. Geburtstags von William Shakespeare. Sie wurde zu einem großartigen Erfolg und war der Anlass zur Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in Weimar, zu dessen Mitbegründer auch Franz Dingelstedt zählt.Am Ende seiner Zeit in Weimar pflegte Dingelstedt bereits Kontakte zu Friedrich Halm, dem damaligen Generalintendanten der Wiener Hofoper und des Hofburgtheaters und liebäugelte mit einem Wechsel nach Wien. Die Zusammenarbeit zwischen den anfangs eng befreundeten Franz List und dessen inzwischen Vorgesetzten Franz Dingelstedt hatte sich im Laufe der Zeit sehr verschlechtert, weil Dingelstedt in Weimar für Liszts Geschmack zu sehr das Schauspiel bevorzugte und die Oper vernachlässigte. Was er auch offen zugab indem er zu sagen pflegte: "Theater sind ein notwendiges Übel, Konzerte ein unnötiges.Im Oktober 1867 tritt Dingelstedt die Stelle des Direktors der Hofoper in Wien an. Zu dieser Zeit galt er als größter deutscher Regisseur. Neben seiner Arbeit als Direktor der alten Hofoper, hatte er die Aufgabe, die Übersiedlung in das seit 1861 im Bau befindliche und noch nicht ganz fertiggestellte neue Haus in der Ringstraße zu organisieren.Zur Eröffnung des neuen Hauses hatte Dingelstedt Mozarts „Don Juan“ auf den Spielplan gesetzt. Die offizielle Eröffnung der Staatsoper erfolgte dann an drei Tagen im Mai 1869.Dingelstedt hatte es sich in der neuen Staatsoper inzwischen gut eingerichtet, als der Generalintendant des Burgtheaters im Jahre 1870 aus gesundheitlichen Gründen um die Enthebung aus seinem Amt ersuchte. Darauf hin ernannte ihn Kaiser Franz Joseph im Dezember 1870 zum Direktor des alten Hofburgtheaters am Michaelerplatz, mit einem hohen Salär von 8.000 Gulden pro Jahr. Neben der Intendanz des Burgtheaters war es eine wichtige Aufgabe von Dingelstedt, über die Zukunft des in die Jahre gekommenen Bauwerkes nachzudenken, mit dem Ergebnis, dass das „Burgtheater unbedingt ein neues, schönes, und allen Anforderungen der Gegenwart vollkommen entsprechendes Haus bekommen müsse“. Und der Bau dieses Hauses wurde auch sofort in Angriff genommen. Die Eröffnung des neuen Burgtheaters am Ring im Oktober 1888 sollte Dingelstedt jedoch nicht mehr erleben.1876 erhob ihn der Österreichische Kaiser Franz Joseph aufgrund seiner großen Verdienste als Generalintendant in den Freiherrenstand.Freiherr Franz von Dingelstedt starb in den frühen Morgenstunden des 15. Mai 1881 in Wien. Die Zeitungen veröffentlichten umfangreiche Nachrufe, in denen die Persönlichkeit und die Bedeutung Dingelstedts für das kulturelle Leben in Wien gewürdigt wurden. Das "Wiener Fremdenblatt" schrieb in seiner Ausgabe  "Die Kunde vom Ableben des ausgezeichneten und gefeierten Mannes wird in Wien, in Österreich und Deutschland schmerzliche Teilnahme erwecken. Wien verlor an ihm eine Zierde seiner Gesellschaft".Auch in der Oberhessischen Zeitung in Marburg erschien ein Nachruf: "Der Telegraph meldete gestern das am Sonntag erfolgte Hinscheiden des Kaiserlichen Direktors des Hofburgtheaters Franz von Dingelstedt in Wien. Mit ihm hat einer unserer hervorragendsten Landsleute im Auslande das Zeitliche gesegnet“. Die Beisetzung erfolgte am 17. Mai 1881 auf dem Wiener Zentralfriedhof neben seiner vier Jahre zuvor verstorbenen Frau.

 
 
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